Wann ist eine Idee gut?


Beispiel 1 – Das Automobil

Sehen wir uns einfach einmal Ideen an, die gut waren. Da war das Auto. Und um die Idee bewerten zu können, müssen wir zurück in eine Zeit, in der es noch kein Auto gab. Heute in der jetztzeit ein Auto zu bauen von damaliger Qualität, das wäre simpel und niemand würde sich dafür interessieren. Damals aber gab es nur die Pferdekutsche als Transportmittel.

Dann gab es Pioniere, die sich im wesentlichen mit dem Motorbau beschäftigten. Und die ersten Produkte waren Autos für die wohlhabenden. Man konnte sich etwas leisten, wenn man ein Auto fährt. Für den Normalbürger dagegen waren die Wege weiterhin per Fuß und per Pferdekutsche zurückzulegen.

Wenn man einmal im Mercedes Benz Museum in Stuttgart zu Besuch war, dann weiß man, dass in Europa zwei Weltkriege nötig waren, in denen die Soldaten aus dem einfachen Volk zum einen selbst Auto fahren lernten und zum anderen dann auch den Mut fassten, irgendwann einen eigenen LKW zu kaufen und mit diesem Transporte auszuführen oder mit einem eigenen PKW Taxidienste angeboten haben. Aber zu der Zeit waren schon Tankstellennetze und Servicenetze aufgebaut – einst für die genannten Wohlhabenden und Reichen, nun für die ehemaligen Dienstboten und heutigen Kapitäne der Landstraße.

Gottlieb Daimler – um bei Daimler einfach mal zu bleiben – lebte von 1834 bis 1900 und die Erfindung des ersten Viertakters wurde im Jahre 1883 als Patent angemeldet.

Hier kann man nun die Frage stellen, welches die eigentliche Idee ist, die eine Firma wie Daimler-Benz “groß” gemacht hat. Und hier halte ich einfach einmal dagegen, dass es nie eine Idee war. Es gab keine Idee und kein Patent, dass für den Erfolg und die Größe der heutigen Firma maßgebend war. Maßgebend war die Vision der Beweglichkeit zu Lande zu Wasser und in der Luft. Maßgebend war der Wunsch dieses Ziel zu erreichen und hierzu technische Lösungen zu schaffen, bzw. erst mal jeweils eine technische Lösung zu realisieren.

Ausschlaggebend für den Erfolg einer Firma ist die Möglichkeit die Wünsche und die Probleme einer Kundengruppe lösen zu können. Dabei kann der Motor den man baut im Grunde rechts herum laufen oder links herum, er kann mit Diesel laufen, mit Benzin, mit Alkohol oder Erdgas, er kann die Kurbelwelle oben haben, seitlich oder unten. Man kann ihn mit Luft kühlen, mit Wasser oder mit irgend einem anderen Medium. All dies sind technische Details eines umfassenden Lösungsansatzes, die man einmal konkret festlegen und konkret umsetzen muss. Dabei geht es auch über den Motor hinaus, den Gottlieb Daimler entwickelte. Was wäre ein Auto ohne Reifen, ohne Fahrgestell, ohne Getriebe? Wie weit kommt man ohne Tankstellennetz?

Ein Erfinder, der damals einen Motor konstruiert hätte mit einer Kurbelwelle oben und versucht hätte, diesen an Gottlieb Daimler zu verkaufen – gegen eine wie auch immer aussehende Gewinnbeteiligung – der wäre gescheitert. Es gab eine Lösung und die reichte aus.

Beispiel 2 – Die Flachglas-AG

Wenn man sich umsieht nach den heutigen Glasherstellern dann fällt einem die Flachglas AG auf.

Diese sagt über sich selbst aus:

Im Jahr 1970 entstand durch Fusion mit der DELOG die FLACHGLAS AG. Diese gehörte seit 1980 zur Pilkington Gruppe.

Und in dem Zusammenhang wäre es wichtig, etwas über die Pilkington Gruppe

Pikington nennt sich durchaus voll berechtigt die “first in glas”. In einem Forschungseinsatz, der die Firma nach meinen Informationen sogar zwei mal an den Rande des Ruins geführt hat, haben diese das heutige Verfahren entwickelt zur Flachglasherstellung. Einen guten Überblick dazu finden wir hier.

Aus diesem Baunetzwissen-Beitrag noch ein paar Zitate:

Die Qualität des gezogenen Flachglases ist für Fensterglas ausreichend, jedoch können Schlieren und Dickenunterschiede innerhalb einer Scheibe nicht vermieden werden.

und

Mit dem von Pilkington entwickelten Floatglasverfahren (1952) wurde die wirtschaftliche Herstellung großer Mengen qualitativ hochwertigen Flachglases schließlich revolutioniert. Das gängige Gussverfahren wurde weiter entwickelt: Das Glas läuft nach dem Schmelzen nicht über Rollen, sondern schwimmt zuerst auf einem flüssigen Zinnbad auf (engl. floating). Es entstehen hierbei zwei ideale, parallele Oberflächen, und das Glasband wird am Ende des Zinnbades direkt in den Kühlprozess überführt. Der kontrollierte Kühlprozess ist bei der industriellen Produktion von entscheidender Bedeutung. Floatglas ist Basisprodukt für nahezu alle höherwertigen Gläser wie thermisch vorgespannte (Sicherheits-)Gläser, Verbund-Sicherheitsgläser und Isoliergläser mit Wärme-, Schall-, und Sonnenschutzfunktion.

Hier liegt eine technologische Entwicklung vor, man könnte sagen “eine Idee eines Erfinders”. Aber besser ist die Aussage “die Entwicklung eines Teams”, denn über eines sollten wir uns hier klar sein. Ein Garagenbastler hätte das nie hinbekommen, nicht wegen der mangelnden Intelligenz, sondern einfach weil die Ressourcen für einen Forschungsaufwand in diesem Umfang auf diese Art nicht zur Verfügung stehen können.

Das waren die Randbedingungen für die Entwicklung. Wirtschaftlich erfolgreich wurde die Idee durch folgende Randbedingungen:

  1. Es war eine gewisse Schöpfungshöhe vorhanden, die Konkurrenzbetriebe abschreckte, einen ähnlichen Weg noch einmal zu gehen, um ein Konkurrenzverfahren zu entwickeln.
  2. Mit dem Verfahren konnten nun Gläser hergestellt werden in einer bis dahin unbekannten Qualität und das zu einem sehr guten Preis. Die alten Verfahren werden zwar noch angewandt, führen heute aber eher ein Nischendasein. Die Abdeckgläser beim Mikroskop sind zum Beispiel zu dünn und in der Stückzahl zu gering für einen Floatglasprozess.
  3. Pilkington betrieb eine aktive Lizensierungspolititik und war daher nicht nur technologisch, sondern auch auf auf der kaufmännischen Seite erfolgreich tätig. Dabei sind die Träume eines Vorstandes einer Flachglas-AG nicht die Träume der Kunden der Flachglas-AG. Man spricht also Lizenznehmer anders an als Kunden.

Und daraus resultieren die Fragen an einen Erfinder:

  1. Können Sie irgendeinen Traum irgend eines Menschen mit der Erfindung erfüllen?
  2. Können Sie irgend einen Traum preisgünstiger erfüllen als ein anderer?
  3. Können Sie verhindern, dass andere etwas ähnliches bauen, patentieren und damit ebenfalls erfolgreich sind?
  4. Wie sprechen Sie mit Ihrer Idee Ihre Zielgruppe(n) an?

Zusammenfassung

In der Summe kann man sagen: Ob eine Idee gut ist oder nicht, das entscheidet sich nicht an einer technischen Realisierung, wobei diese natürlich auch gut sein muss!

Die Realisierung einer Idee allerdings ist nur dann gut, wenn sie sich gut verkaufen läßt, wenn also mindestens ein Kunde da ist, der sehr gut dafür zahlt. Und diese Frage klärt man am besten vor dem Beginn einer Entwicklungstätigkeit.

Im technischen Bereich wird sehr häufig mit technischen Argumenten verkauft. Aber der Endkunde, der hat Träume und die müssen in Erfüllung gehen, sonst interessiert sich niemand für irgend eine Idee.